Ein Montag im August. Ich sitze in der Tram, als eine Frau einsteigt. Auf Mitte / Ende fünfzig schätze ich sie.
Beide Beine sind geschient. Bei jeder Bewegung macht es klick, surrt und brummt. Fast könnte man meinen, da kommt ein kleiner Roboter den Gang entlang.
Wir kommen ins Gespräch. Sie möchte zum Ungerer Bad. Ich kann ihr den Weg erklären.
Irgendwann frage ich sie nach den elektronischen Beinschienen.
Und dann erzählt sie mir ihre Geschichte.
Sie war eines der letzten Kinder in Deutschland, die an Kinderlähmung erkrankten – kurz bevor Polio hierzulande als ausgerottet galt.
Damals bekam sie statische Beinschienen. Sie lernte, damit zu laufen. Und sie lief gut damit durchs Leben, wurde Lehrerin, heiratete, bekam drei Kinder.
Ein ganz normales Leben.
Bis vor einigen Jahren die Spätfolgen der Polio kamen.
Auf einmal spielte ihr Bewegungssystem nicht mehr mit. Die Muskeln machten schlapp, der Körper wurde immer unbeweglicher. Aus der Frau, die ihr Leben lang auf eigenen Beinen gestanden hatte, wurde eine Pflegebedürftige. Der Rollstuhl wurde zum Alltag.
Viele hätten sich irgendwann darin eingerichtet. Sie nicht. Sie suchte nach einem Weg zurück.
Sie fand EMS-Training, bei dem elektrische Impulse die Muskeln stimulieren. Also trainierte sie. Diszipliniert. Beharrlich. Über ein Jahr lang, ohne dass sich viel tat. Bis sie irgendwann die ersten kleinen Veränderungen bemerkte.
„Mit diesen ersten Lebenszeichen meiner Muskeln bin ich ganz wild geworden“, erzählt sie mir. „Da wusste ich: Ich bin auf dem richtigen Weg.“
Dann entdeckt sie auf einer Orthopädie-Messe ein Exoskelett. Eine technische Konstruktion, die ihre Beine mit batteriebetriebenen Motoren bewegt und ihr ermöglicht, wieder zu gehen. Klingt einfach. Ist es aber nicht.
Denn auch mit fast sechzig muss sie wieder lernen, ihr Gleichgewicht zu halten. Die Technik zu beherrschen. Vertrauen in ihren Körper und in dieses seltsame Gerüst aus Metall und Elektronik zu entwickeln.
Heute bewegt sie sich damit beinahe normal durch ihr Leben, fährt sogar Auto.
Vier Stunden lang. Dann ist der Akku leer.
200.000 Euro kostet das Exoskelett. Die Krankenkasse hat es nicht übernommen.
„Wie haben Sie das finanziert?“, frage ich.
Sie schaut mich an, als wäre die Antwort eigentlich ganz einfach.
„Ich habe mein Haus verkauft.“
Heute lebe sie in einer kleinen Mietwohnung.
„Ich bin die Einzige in Deutschland, die so ein Exoskelett trägt“, sagt sie.
Und dann frage ich: „Wie lange hält es?“
„Fünf Jahre.“
„Und dann?“
Sie zuckt mit den Schultern. „Dann wird es etwas Neues auf dem Markt geben.“
Als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. „Und solange genieße ich mein Leben. Ich bin frei und kann mit meinen Enkelkindern etwas unternehmen.“
Ich bin beeindruckt von dieser Frau.
Wer will, findet Wege.
Diesen Satz kennen wir alle. Er klingt motivierend, manchmal aber auch ein bisschen brutal. Denn er tut so, als müsse man nur genügend wollen – und schon ließe sich jedes Hindernis überwinden.
So einfach ist es eben aber nicht.
Manchmal gibt es keine Wege.
Manchmal sind sie zu teuer, zu anstrengend, zu unsicher. Manchmal ist der Preis zu hoch.
Und manchmal ist es sogar eine große Lebenskunst, nicht weiterzukämpfen.
Ich glaube, 95 Prozent der Menschen hätten es vermutlich anders gemacht als diese Frau.
Sie hätten sich mit dem Rollstuhl arrangiert. Hätten die 200.000 Euro niemals investiert. Hätten ihr Haus nicht verkauft.
Und vielleicht wäre das genauso gut gewesen.
Denn es gibt nicht den einen richtigen Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens.
Die einen können sich leichter arrangieren. Sie können Hilfe annehmen. Sie können loslassen und trotzdem ein gutes Leben führen.
Für andere ist Abhängigkeit kaum auszuhalten. Sie brauchen die Herausforderung. Wollen kämpfen, ausprobieren, riskieren. Sie wollen sich ihre Freiheit zurückholen – koste es, was es wolle.
Beides kann richtig sein.
Vielleicht ist ein gutes Leben deshalb vor allem ein Balanceakt.
Zwischen Akzeptanz und Herausforderung.
Zwischen Gas geben und es gut sein lassen.
Zwischen Zufriedenheit und Sehnsucht.
Zwischen dem Mut, weiterzugehen – und dem Mut, irgendwann zu sagen: Es ist gut. So, wie es ist.
Die Frau aus der Tram hat mich jedenfalls eine Weile lang richtig beschäftigt.
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, immer weiterzukämpfen.
Vielleicht geht es darum, herauszufinden, wofür es sich für mich lohnt zu kämpfen.
Und wo nicht.
Coachingfragen:
Wo gibst du vielleicht zu schnell auf?
Wann kämpfst du noch, obwohl du es eigentlich gut sein lassen könntest?
Wo lebst du unter deinen Möglichkeiten?
Welche Chancen oder Talente lässt du ungenutzt verpuffen?
Programmhinweis
Am Montag, den 19. Oktober gebe ich einen Abend-Mini-Workshop „Wie man einen Blog schreibt“ von 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr.
Weitere Details folgen in Kürze.
Notiere dir den Termin schon einmal.
Was darf man (fremde) Menschen fragen?
Ganz schön viel, wie ihr an dem Beispiel oben merken könnt. Wenn man oberflächliche Gespräche nicht mag, dann muss man sich trauen zu fragen.
Und wenn es zu weit führt? Dann bekomme ich eine Grenze aufgezeigt. Wenn die für mich o.k. ist, kann ich alles fragen.
Mut und wirkliches Interesse sind die Voraussetzung, wenn man etwas erfahren und lernen möchte.
Ich wünsche euch wie immer eine wunderbare Woche.
Ich liebe den Spätsommer!
Von Herzen Ihre und Deine
Monika Scheddin

Toller Beitrag, liebe Monika, danke für diese Inspiration!
Freut mich Alex.
Dankeschön für Deinen Kommentar.