Eine Woche Malen auf Sylt liegt hinter mir.
Mit Komfortzone hatte diese Woche nichts zu tun – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Untergebracht waren wir in einem Schullandheim in Rantum. Das Bett gehörte zu den härtesten, auf denen ich je geschlafen habe. Das Wort Matratze wäre gestrunzt. Und trotzdem habe ich erstaunlich gut geschlafen, wenn auch nicht überlang. 6.30 Uhr aufstehen, Morgenrunde, Frühstück zwischen 8.15 Uhr bis 09.00 Uhr. Danach wurde gemalt – bis ca. 18.00 Uhr. Tag für Tag.
„Warum tust du dir das an?“ Werde ich oft gefragt. Und ich denke: gute Frage!
Malen ist viel mehr als Farbe auf Leinwand. Beim Malen begegnest du dir selbst. Deinen Erwartungen und der Realität. Deinem Anspruch und deinen Grenzen. Geduld und Ungeduld. Euphorie und Enttäuschung. Zweifel und Gestaltungsfreude reichen sich die Hand.
Die eigentliche Frage lautet nicht: Kann ich das? Sondern: Wo mache ich weiter – und wo gebe ich auf? Dieser Frage begegne ich übrigens auch immer wieder in meinen Coachinggesprächen.

Eigentlich male ich keine Blumen. Ich finde sie als Motiv eher unspannend. Vielleicht waren deshalb ausgerechnet Hortensien in diesem Jahr genau das Richtige für mich. Ich habe mich an ihnen abgearbeitet, immer wieder die unterste Schicht überspachtelt, neu begonnen, verändert, verworfen. Ich habe um Rat gefragt, weiter gemacht und nicht aufgegeben. Fast die ganze Woche gehörte irgendwie diesem einen Bild. Zum Schluss ein passables Ergebnis.

Überraschend leicht dagegen entstand die Pinienlandschaft. Damit hätte ich selbst nicht gerechnet. Manchmal fließt etwas einfach. Ohne Kampf. Ohne Widerstand.

Und dann war da noch die „die Kirsche auf der Torte“. Ein zufällig gefundener Bildausschnitt, der plötzlich meine Aufmerksamkeit fesselte. Ein Patissier, der genüsslich eine kandierte Kirsche auf eine Torte platziert. So entstehen manchmal die schönsten Ideen – ungeplant und völlig unspektakulär.
Zwei Bilder habe ich überspachtelt, weil sie einfach nicht stimmten. Auch das gehört dazu. Nicht festhalten um des Festhaltens willen.
Und dann die Gruppe. Vierzehn Malerinnen. Keine Männer. (Die kaufen sich Bilder – wenn überhaupt. Oder sie können schon malen. Hüstel.)
Gruppen sind immer ein kleines Universum. Unterschiedliche Charaktere, verschiedene Bedürfnisse und Temperamente. Die einen reden gerne, andere lieben es leise. Die einen frieren leicht, die anderen reißen am liebsten alle Fenster auf.
Da helfen Gelassenheit, Toleranz und ein bisschen Konfliktkompetenz.
Ich mag Gruppen und kann die Befindlichkeiten meist gut ab. Und ich genieße, wie selbstverständlich wir uns gegenseitig inspirieren, unterstützen und Materialien teilen.
Gerne frage ich meine Malkolleginnen am Ende nach ihrem Lieblingsbild.
Meins? Ganz klar: Die Kirsche auf der Torte. Sie ist für mich mehr als nur ein Bild. Sie ist eine Haltung.
Wenn wir es gut machen, leben wir unsere Kirsche auf der Torte. Definieren, was die Kirsche auf der Torte für uns bedeutet. Bringen jeden Tag Lebendigkeit in unseren Alltag. Bleiben flexibel und neugierig. Lassen uns von nichts und niemanden aufhalten, wenn es geht. Behalten die Lust auf Begegnungen und Bewegung.
Den Ball flachhalten, nichts Neues dazulernen wollen oder Sätze wie „das lohnt sich für mich nicht mehr“ – gehören nicht in den Wortschatz von Kirschenfans.
Auf der 11stündigen Zugfahrt nach Hause schnappte ich diesen Satz einer älteren Dame hinter mir auf. Sie sagte zu ihrem Begleiter (der offenbar nicht ihr Ehemann war): „Ich habe nicht das Gefühl, im Leben etwas versäumt zu haben.“
Bei nächster Gelegenheit schaute ich sie mir etwas genauer an und dachte mir: Das nehme ich dir ab. Wie schön, wenn man das sagen kann.
Was ist deine Kirsche auf der Torte?
Was möchtest du noch alles erleben, lernen oder wagen, damit auch du irgendwann sagen kannst: „Ich habe nicht das Gefühl, im Leben etwas versäumt zu haben.“
Ich wünsche dir und euch eine schöne Sommerwoche!
Und jetzt gehe ich noch eine Runde schwimmen!
Von Herzen
Deine und Ihre
Monika Scheddin

tolles Bild, im wirklichen wie im übertragenen Sinn, danke, liebe Kirschen-Monika!
Dankeschön, lieber Alex! 🙂