C. weiß nicht, ob sie in ihrer Firma noch eine Zukunft hat. Aktuell ist sie in einem recht langweiligen Projekt eingesetzt, deutlich unter ihren Möglichkeiten. Da gab es schon bessere Zeiten. „Ich fühle mich wie auf einem Abstellgleis“, sagt C. „Und das nach 17 guten und erfolgreichen Jahren.“

Gemeinsam schauen wir uns ihre grundsätzlichen Möglichkeiten an. Es sind sehr viel mehr, als sie jemals gedacht hätte.
Eine Option ist, in der aktuellen Firma um eine interessante Leitungsfunktion zu kämpfen.

Als nächstes schauen wir uns ihre Wirkung an. C. wirkt stark, erfahren, erfolgreich, kreativ, zuverlässig, manchmal ungeduldig. Sie wirkt humorvoll, manchmal ironisch oder sarkastisch. Und noch vieles mehr.

Auffällig ist, dass C. auch stark und unverwüstlich wirkt, wenn sie sich so ganz anders fühlt. Sie lächelt Situationen weg, wenn Kollegen sie nicht unterstützen. Wenn sie übergangen wird. Wenn sie unsachlich angegriffen wird.

Diese Art von Weglächeln lässt uns nicht stark, sondern hart wirken.

Die meisten Frauen wollen authentisch wirken. Das bedeutet jedoch, sich verletzlich zu zeigen und eben nicht zu lächeln, wenn ich gerade hintergangen wurde.

„Wie wollen Sie wirken, wenn Sie heute Nachmittag Ihrem Chef begegnen, der den jungen Kollegen just Ihnen gegenüber bevorzugt hat, obwohl dieser bei weitem nicht Ihre Expertise und Erfahrung hat?“
„Kompetent, sachlich und korrekt“ ist die Antwort.
„Damit entlasten Sie nur Ihren Chef, zahlen aber in keinster Weise auf Ihre ureigenen Ziele ein“, antwortet der Coach (also ich) unzufrieden.
„Hmh.“ C. überlegt. „Wie wäre es mit verstimmt, kampfbereit und wertvoll?“
„Bravo“ antworte ich. „Mit dieser Haltung lässt sich arbeiten!“

Unsere Gefühle nicht auszudrücken, ist nicht hilfreich.
Was nicht ausgedrückt wird, drückt.

Gefühle sind im Business verpönt, aber nur, weil die Beteiligten nicht damit umzugehen wissen. Sich hilflos fühlen. Dann kommen Aussagen wie: „Jetzt wollen wir doch mal sachlich bleiben“. Pah!

Als junge Frau und Marketingassistentin kamen mir unter Stress leicht die Tränen. Ich habe es gehasst, dass dies mein Chef 1:1 mitbekam und mich gleich als „nicht belastbar“ abstempelte. Weil es leicht für ihn war. Gegen meine Tränen konnte ich damals nichts tun. Erst mit steigendem Selbstbewusstsein lernte ich Gefühle anders auszudrücken.

„Mute deiner Umwelt deine volle Größe zu“ heißt sich so zu zeigen, wie man gerade ist: Stark, selbstbewusst, humorvoll – aber manchmal eben auch ungerecht, unzufrieden, gestresst, genervt.

Die Dosis macht das Gift.

In dem Sinne: Keine Schonkost!

Eine schöne Pfingstwoche wünscht

Deine und Ihre
Monika Scheddin

 

Foto: ferlistockphoto/Canva