Wirkung von Menschen – ein Thema, das mich sehr interessiert. Da kommen wunderschöne Menschen in ein Restaurant und wirken Null. Andere wiederum fluten den Raum gleich mit Sonne und das Aussehen ist zweitrangig. Speaker strahlen auf der Bühne, verlieren aber jegliche Präsenz im Zweiergespräch, einfach weil sie am Gegenüber überhaupt nicht interessiert sind.

Die Verleihung des Deutschen Filmpreises 2026 am Samstag war für mich als Coach ein Highlight.

Gleich aus zwei Gründen: Wim Wenders erhält den Ehrenpreis für seine herausragenden Verdienste um den deutschen Film. Gleichzeitig steht die Forderung von Schauspielerin Nastassja Kinski im Raum, die als 13jährige 1975 im Film „Falsche Bewegung“ in einer Nacktszene zu sehen ist. Sie wünscht sich, dass diese Szene herausgeschnitten wird.

Wie wird Wim Wenders damit umgehen, habe ich mich gefragt?

Für mein Gefühl sehr gut. Er zeigte sich offen und verletzlich. Die Zeiten haben sich massiv verändert, heute sind derartige Szenen nicht mehr vorstellbar. Darf man diese Szenen herausschneiden, muss man es sogar oder gilt es, das Filmerbe zu bewahren? Wenders möchte es mit der Filmakademie diskutieren.

Wim Wenders – Chapeau! Man darf dem Publikum durchaus seine Fragen und Unsicherheiten zumuten und verliert keineswegs an Größe.

In der Buchbranche kennen wir die Diskussion um Worte, die man heute nicht mehr verwendet, ebenfalls – mit guten Argumenten auf beiden Seiten.

Würde man mich fragen, ich würde sagen, raus mit der Szene, wenn sie einen Menschen verletzt. Ohne wenn und aber.

Der zweite Wow-Moment: Edin Hasanović. Mein lieber Scholli, was hast du mich berührt.

Edin Hasanović hielt die Laudationen auf die Nominierten „männliche Nebenrolle“.  Für mich war er das Highlight der gesamten Veranstaltung. Hasanović stellte die Nominierten so gefühlvoll mit einem unfassbaren Blick für die Kunst der einzelnen vor, dass es unerheblich wurde, wer den Preis anschließend mit nach Hause nahm. Den Hauptpreis haben alle (potenziellen) Preisträger durch Hasanović bereits erhalten. Sie wurden in ihrer Kunst sehr persönlich und individuell gesehen und auf eine unnachahmliche Art und Weise gewürdigt: liebevoll, feinzeichnend mit einer Beobachtungsgabe, die beweist: da hat sich jemand wirklich mit dir und deiner Kunst beschäftigt.

Als wer willst du in Erinnerung bleiben? – ihr kennt die Coachingfrage von mir längst, denn ich stelle sie oft. Sehr oft.

Es macht einen Unterschied, ob LaudatorInnen selbst klug und oder originell wirken wollen oder ob sie allein die Nominierten glänzen lassen wollen. Viele scheinen immer noch zu glauben, sie machten sich kleiner, wenn sie andere groß zeigen. Das Gegenteil ist der Fall.

So sagt Hasanović über Peter Kurth: „Du bist die Schauspielschule, die ich nie besucht habe“.

Zu Leonard Kunz: „Du dienst deiner Rolle. … Wenn ich mal groß bin, will ich so spielen wie du.“ Thorsten Merten attestiert Hasanović Spielfreude auch nach 36 Jahren Berufserfahrung und dass er konsequent auffällig gut ist. Gewonnen hat schließlich – völlig verdient – Michael Wittenborn, der den Großvater in der Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Bestseller „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ spielte.

Seit Edin Hasanović mitspielt, schaue ich mir wieder den Tatort an. Was für ein besonderer Schauspieler und was für ein herzlicher Mensch.

 

Wer sich den Mitschnitt anschauen will, findet ihn in der Mediathek – ab ca. Minute 54.

Schaut euch die Reaktionen der Nominierten an. Sehr berührend.

Andere Menschen sehen und berühren können wir auch im Alltag jeden Tag, indem wir Menschen anschauen, grüßen, anlächeln und vielleicht sogar ein Kompliment schenken. Das geht sogar mit völlig fremden Menschen.

Eine schöne Juniwoche wünscht von Herzen

Monika Scheddin

 

 

Foto KI-generiert