Lange hat mich nichts und niemand so beeindruckt wie der Verpackungskünstler Christo.
Der 81jährige kann auf ein gigantisches Lebenswerk zurückblicken. Das meiste davon gemeinsam geschaffen mit seiner 2009 verstorbenen Frau Jeanne-Claude. Alle, die über Innovationen und Erfolg nachdenken, können von dem Künstlerduo mehr lernen, also von jedem Unternehmensberater der Welt.

Was machte sie so erfolgreich?

Einzigartigkeit
Verpackungskunst – da muss man erst einmal drauf kommen. Und wer versucht sich noch auf dem Gebiet?

Vorstellungskraft
Das aktuellste Projekt wurde am norditalienischen Iseo-See realisiert: Christo legte einen gigantischen Steg aus 70.000 Quadratmeter Hightech-Stoff über den See. Die schwimmenden Stege (16 Meter breit und gut drei Kilometer lang) verbanden das Festland mit zwei Inseln im See. Getragen von 20.000 miteinander verbundenen Kanistern. „Floating Piers“ nannte Christo sein Werk.

Durchhaltevermögen
Ideen können viele entwickeln, doch immer wieder jahrzehntelang durchzuhalten und Menschen und Behörden von schieren Unglaublichkeiten zu überzeugen, das schaffen nur wenige.

Großzügigkeit
Die Besucher konnten die Kunst kostenfrei genießen und es gab keinen vorgegebenen Parcours. Auch für eine religiöse Konnotation seines Iseo-Kunstwerkes ist Christo ausdrücklich offen. „Ich bin nicht religiös. Aber meine Werke sind frei für Interpretationen.“

Teamgedanke & Networking
Eine große Rolle bei dem Kunstprojekt spielen Freiwillige, erklärte Christo. Sie halfen beim Anbringen der gigantischen Stoffbahn im See. Freiwillige wurden in ganz Europa rekrutiert und vor Ort eingewiesen. Der Lohn für die Mitmacher: ihren Teil am Kunstwerk geleistet zu haben, den Künstler persönlich zu erleben und von ihm zu lernen.

Unabhängigkeit
Christo und Jeanne-Claude finanzierten ihre Kunstwerke komplett selbständig durch den Verkauf von Bildern und Fotos. Damit waren sie jederzeit unabhängig von fremden Interessen. Klingt einfach, erfordert aber viel Mut und klare Werte, Schuldenberge für Projekte und Bußgelder zu stemmen und verlockende Subventionsangebote abzulehnen.

Wertigkeit
Die Dinge brauchen einen Anfang und ein Ende. Dann werden sie kostbar. Ständige Verfügbarkeit ist langweilig. Für genau 16 Tage im Juni 2016 waren die Floating Piers dem Publikum zugänglich. Nicht mehr und nicht weniger. Das schaffte Begehrlichkeit. Sehr viel mehr Menschen hatten Interesse, konnten aber nicht dabei sein. Jeder Wirtschaftsbetrieb hätte das Angebot der Nachfrage angepasst. Nicht so Christo.

Loyalität
Alle Projekte realisierte Christo gemeinsam mit seiner Frau Jeanne-Claude, die 2009 verstarb. Trotzdem laufen die Installationen auch heute noch unter dem gemeinsamen Namen „Christo and Jeanne-Claude“

Vertrauen
Keine Geländer und keine Schwimmwesten, während Hunderttausende übers Wasser laufen. Auch Kinder, Alte, Gebrechliche, Rollstuhlfahrer und Damen mit Highheels. Es waren zwar Wachleute und Rettungsschwimmer vor Ort, dennoch wurde den Menschen mit gelassener Wachsamkeit zugetraut, sich um sich selbst sorgen zu können. Mit Erfolg. Denn meines Wissens plumpste nur einer ins Wasser: der Projektfotograf.

Ich denke an den ca. 4 x 4m-großen Fischteich in meinem Heimatsdorf Nierswalde, der komplett von einem meterhohem Maschendrahtzaun höchst hässlich eingezäunt ist. Könnte ja jemand ertrinken bei einer Wassertiefe von 70 cm.

Es geht um Menschen
„Kunst existiert nur für Menschen. Tiere können keine Kunst verstehen.“

Ein Anliegen haben
Sein Anliegen sei es, die Leute „zum Gehen zu bringen“, so Christo

So geht EU
Nicht nur beim Aufbau waren Freiwillige aus ganz Europa dabei. Auch die Besucher kamen von überall her. Italiener, Österreicher, Deutsche, Holländer, Tschechen, Rumänen, Finnen, Dänen … aus ganz Europa reisten die Besucher an und feierten friedlich, entspannt und voller Freude ihr gemeinsames Kunstwerk.

Wahrlich beindruckend!
Ich schlage Christo dringend für einen Preis vor. Frage mich aber, für welchen.
Welcher Preis würde ihm gerecht?
Ich denke, es wird Zeit in neuen Kategorien zu denken.