Ich bin viel unterwegs. Am liebsten in der Bahn. Auf dem Hinweg gehe ich gern noch mal meinen Vortrag oder meinen Trainingsplan durch und überlege mir, auf welche Menschen ich wohl treffen werde. Was sie beschäftigt, welche Wünsche und Hoffnungen sie haben und wie die Firmenkultur ist.

Ich lese Fachartikel. Recherchiere. Plane. Denke. Schreibe. Und egal, wie lange die Bahnfahrt dauert, ich könnte immer noch eine Zugabe gebrauchen.Auf der Rückfahrt dagegen höre ich gerne Podcasts, blättere in Zeitschriften, höre Musik oder schaue einfach nur aus dem Fenster. Am liebsten ungestört.

Doch gerade dann, wenn der Zug besonders voll ist und mir wildfremde Menschen näher „auf den Pelz rücken“, als es mir eigentlich lieb wäre, lerne ich interessante Menschen kennen.

Diese Woche auf der Rückfahrt von Köln nach München nimmt ein Jungunternehmer neben mir Platz. „Wohin geht Ihre Reise?“ fragt er mich. „Was machen Sie beruflich?“ Zwei einfache Fragen, die ein Gespräch starten. Neugierig saugt er alles auf, was ihm bei der Erreichung seiner Ziele helfen könnte. Und stellt schöne Networking-Fragen.

Bin ich berechnend?

„Ich habe einen Schulfreund im Netz entdeckt, der eine spannende Position in einem interessanten Unternehmen hat. Ich würde gerne Kontakt zu ihm aufnehmen. Blöderweise habe ich die Beziehung nicht gepflegt. Bin ich berechnend, wenn ich mich jetzt mit ihm treffen möchte, wo ich ein Geschäft im Hinterkopf habe?“

Meine Antwort: „Natürlich sind Sie berechnend. Es wäre viel wertschätzender, Sie hätten den Kontakt aufrechterhalten, z.B. über Xing oder linked in, und zumindest zum neuen Posten oder Geburtstag gratuliert. Aber so ist es nun mal. Wenn Sie Zeit haben, könnten Sie das nachholen. Wenn Sie gleich ins Geschäft kommen wollen, müssen Sie mutiger und direkter agieren, z.B. indem Sie schreiben: „Lieber X, ich bin beeindruckt über Deinen Weg und wo Du jetzt stehst! Respekt! Ich würde Dich gerne treffen, weil ich ein spannendes Produkt für Dich habe. Hättest Du z.B. nächste Woche Mittwoch Zeit für ein Mittagessen? Was ist das Risiko? Dass Sie (fürs erste) keinen Termin bekommen. Damit wären Sie auch nicht schlechter dran als vorher. Bei einer Absage oder keiner Reaktion würde gelten: nicht sauer sein und das Pflänzchen langsam nähren, z.B. über eine Einladung zum Oktoberfest.“

Der Jungunternehmer freut sich über meine Antwort und macht sich gleich Notizen. Und auch ich erfahre einiges: Wo und wie sich die Gründerszene organisiert und informiert, die Namen in der Szene und die Motivation.

Ich bin fast geneigt zu sagen: Bahnfahren bildet. Wenn man sich einlässt.

Ich kenne aber auch andere Situationen: Eine Dame, die von Frankfurt bis Stuttgart kein Wort übrig hat. Kein Gruß, kein Danke an den freundlichen Herrn, der ihren Koffer ins Gepäckfach gehievt hat. Nichts. Was nicht ganz stimmt: fast 2 Stunden hat sie gebraucht, um ihren Karottenvorrat geräuschvoll zu eliminieren.
Im Nachhinein auch lustig.

Welche schönen Begegnungen hattest Du / hatten Sie in der Bahn? Gespannte Grüße
Ihre und Eure Monika Scheddin

 

P.S. diese 2 Podcasts habe ich auf meiner Köln-Bahnfahrt gehört
„Expedition Leben“ von Dorothee Dahl
„Menschen überzeugen“ von Wladislaw Jachtchenko.
Beide habe ich abonniert, weil ich sie großartig finde.