Als ich den Reisevortrag „Mit dem Fahrrad von Los Angeles nach Key West“ von Hermann Plasa in der Volkshochschule München besuche, bin ich doch etwas erstaunt.
Der Referent ist der wohl fitteste Radler, den ich kenne und ich hatte mir im Vorfeld überlegt, wer denn einen solchen Vortrag besucht. Nach meiner Überzeugung: ebenfalls fitte Supersportler, die sich in Vorbereitung einer ähnlichen Tour die nötige Inspiration abholen möchten. Doch diese Spezies ist eindeutig in der Minderzahl. Ich treffe auf ganz viele rüstige Rentner, die den Reisevortrag als spannende Gute-Nacht-Geschichte genießen. Die selbst überhaupt nicht vorhaben, ähnliches zu tun. Sie wollen in Gedanken reisen. Und es ist ihnen sehr recht, wenn sie nur die Abenteuer und Freuden gedanklich mitnehmen und sich jemand anders stellvertretend schindet und Gefahren im Fahrradweg-losen Amerika auf sich nimmt.
Auch die Hamburger Journalistin Meike Winnemuth taugt als persönliche Heldin. Nicht nur, weil sie es wagt, einen aberwitzigen Traum zu träumen, sondern, weil sie ihn in Angriff nimmt. Ein Jahr auf Weltreise – ohne Geld-verdienen-müssen, ohne Stress. Die einzige Chance zur Verwirklichung sieht sie, sich bei Günther Jauchs TV-Format „Wer wird Millionär?“ zu bewerben. Sie nimmt die Mühe auf sich, bewirbt sich, schafft es Ende 2010 tatsächlich auf den Kandidaten-Stuhl und gewinnt eine halbe Million Euro. Zaudert nicht lange und macht sich Anfang 2011 auf den Weg.
Lange vorher hat sich Meike Winnemuth mit ungewöhnlichen Experimenten (z.B. ein Jahr lang das gleiche blaue Kleid zu tragen) in ihrem Blog eine wachsende Fan-Gemeinde erarbeitet. Diese begleitet die Journalistin virtuell auf Weltreise, nimmt teil, freut sich mit, muntert auf, stellt Aufgaben und feiert ihre Heldin.
Das Buch „Das große Los. Wie ich bei Günther Jauch 500.000 Euro gewann und einfach losfuhr“ wird anschließend ein Megabestseller. Übrigens zu Recht, es ist ein klasse Buch!
Heldin Winnemuth macht ihrem Namen alles Ehre und geht das nächste „unmögliche“ Projekt an: die vielreisende Singlefrau, Anfang 50, schafft sich einen Hund an. Foxterrier Fiete begleitet sie auf Deutschlandtour. So weit, so gut. Die Leser lieben Meike Winnemuth. Doch dann wird sie den hoch gestellten Erwartungen nicht mehr gerecht. Sie bricht die Deutschlandreise ab, denn „das Heimweh ist zum ersten Mal größer als die Reiselust“. Viele Fans reagieren stocksauer.
Ich glaube, dass es manchmal mehr Mut kostet, eine Sache abzubrechen, als sie auf Gedeih und Verderb durchzuziehen. Wie heißt es so schön: Wenn der Gaul tot ist, sollte man absteigen.
Und noch ein Beispiel: der deutsche Blues- und Rocksänger Andreas Kümmert ist nicht nur gänzlich unbekannt, als er 2013 bei der Gesangs-Castingshow The Voice of Germany mitmachte, er entsprach auch überhaupt nicht den Erwartungen an einen coolen Rockstar: Introvertiert, bescheiden, übergewichtig, keine Schönheit, bestenfalls unauffällig. Seine Wirkung entfaltet sich, sobald er anfängt zu singen. Hürde über Hürde überspringt er und gewinnt nicht nur den Titel „The Voice of Germany“, sondern auch viele, viele Herzen der Zuschauer. Jetzt gerade, im März macht er mit bei der deutschen Vorentscheidung des „European Song Contests 2015“ und wieder gewinnt er. Er darf Deutschland vertreten. Die Fans rasten aus vor Freude. Doch dann der Eklat: Kümmert sagt vor einem Millionen-Live-Publikum ab. Fühlt sich dem ganzen nicht gewachsen und übergibt seinen Preis der Zweit-Gewählten. Es hagelt Buh-Rufe. Die Fans sind enttäuscht. Ihr Held, hat ihre Sache vertreten und macht sich dann so einfach vom Acker. Über die Gründe des Sängers wird gerade eifrig spekuliert. Nichts Genaues weiß man nicht.
Aber die deutschen Ansprüche an ihre Helden sind groß: es muss passen wie ein Handschuh. Ein menschlicher Makel, ein kleiner Fehler, eine nicht getroffene Erwartung und schon „ist man gestorben“. Helden sind auch nur Menschen. Lasst uns großzügig sein! Die Helden unserer Kindheit haben wir doch am meisten geliebt, wenn sie nicht perfekt waren, oder? Donald und Daisy Duck, bezaubernde Jeannie, Popey der Seemann, Biene Maja, Wicki, Mr. Spock …
In dem Sinne – zauberhafte Tage wünscht Ihnen und Dir Monika Scheddin
