„Mein Traum ist es, mit meiner Tochter nach New York zu reisen“ – ein Satz, den ich in der U-Bahn aufschnappe. Eine Frau sagt ihn zu einer anderen.
„Also ich war schon vier Mal in New York“, entgegnet diese.
Um DICH geht es gerade nicht, möchte ich der 4-Mal-in-NY-Frau gerne zurufen, weiß aber: ich habe hier keinen Lehrauftrag.
Und so endet dieser „Dialog“ auch gleich mit einem Themenwechsel.
Wie schade! Wären Neugier und Empathie im Spiel gewesen, hätte man fragen können:
Was erhoffst du dir von New York?
Worauf freust du dich besonders?
Was hält dich noch ab?
Ich konnte neulich Goldkonfirmation feiern, bin also verblüffenderweise seit 50 Jahren konfirmiert. Ich erzählte dies in einer lockeren Runde und der erste und einzige Kommentar lautete: „Goldkonfirmation? Pah, ich bin schon seit 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten!“
Immer wieder zu beobachten: der eine erzählt etwas, der andere haut mit seinem Thema ab.
Warum unterbrechen Menschen andere?
- Im besten Fall, weil sie inspiriert sind
- Manchmal können sie (noch) nicht zuhören
- Oder aber sie sind gedankenlos oder gelangweilt
- Sie haben ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit
- Sie möchten im Mittelpunkt stehen und ihre eigenen Erlebnisse teilen
- Aus Gewohnheit (z.B. weil sie Familienoberhaupt oder Führungskraft sind)
Wie kann man selbst reagieren, wenn man unterbrochen wird?
- Es kommt ein wenig darauf an, was mein Ziel ist. Ist es eine gute Beziehung, kann ich in sie investieren, indem ich die andere Person freundlich darauf hinweise. „Ich höre dir gerne zu, jetzt sei so freundlich und lass mich bitte ausreden.“
- Im Business hilft zudem auch eine deutliche (aber immer respektvolle) Geste.
- Die schlagfertige Variante wäre z.B. „Willkommen in meinem Satz“.
- Kenne ich meinen potenziellen Unterbrecher nur zu gut, kann ich auch vorbeugen: „Bitte falle mir nicht ins Wort. Lass mich ausreden.“ Dann reicht im Falle des Falles ein kurzer Blickkontakt.
Manchmal ist aber Hopfen und Malz verloren und die Bekannte kann und will nicht zuhören. Unterbrechen scheint eine Leidenschaft zu sein. In solchen Fällen hilft nur akzeptieren und den Kontakt reduzieren.
Wie will ich wirken?
Nett, lieb, höflich, sympathisch? Das ist fein, rechne aber damit, dass das mit den ständigen Unterbrechungen nicht weniger wird.
Klar, bei mir selbst, selbstsicher, mutig? Da wird ein Schuh draus.
Das ist auf jeden Fall drin.
Übe, den Faden zu behalten, auch wenn du zuvor unterbrochen wurdest.
Probiere jedes Mal eine neue Kleinigkeit aus. Gib dich erst dann zufrieden, wenn du es auch bist.
Ich habe auf den Satz „Pah! Ich bin bereits vor 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten“ nichts gesagt. Warum? Weil es mir nicht wichtig war. Weil ich es in Ordnung finde, wenn Menschen aus der Institution Kirche austreten. Aber viel besser wäre es gewesen, ich hätte gesagt: „Nun, ganz offensichtlich habe ich genau das nicht getan“.
Viele Menschen wollen reden lernen.
Noch besser wäre es, sie würden beginnen, zuzuhören.
Eine schöne Woche wünscht
Von Herzen
Deine und Ihre
Monika Scheddin
