Inge und Thomas heiraten. Als die Braut im Reiter-Outfit und nicht im Brautkleid erscheint, ist der Bräutigam geschockt. Ihm fällt die Kinnlade herunter, macht aber gute Miene zum bösen Spiel.

Ist das nun egoistisch, authentisch oder rücksichtslos von Inge? Vermutlich etwas von allem, im besten Sinne ist ihr Verhalten eigenwillig.

(ich mag das Wort eigen-willig – eine Qualität, wie ich finde)

Gleichzeitig bewundere ich Thomas, von Beruf Architekt, für seine Nehmerqualitäten.

Zu einer Zeit, wo viele selbst die kleinsten Unterschiede nicht aushalten können. Wo Fußgänger schon angepöbelt werden, wenn sie auf der „falschen“ Seite gehen. Es ist nicht opportun, wenn Menschen sich die Achselhaare nicht rasieren, wenn sie nichts gegen ihre Falten tun oder wenn sie etwas gegen die Falten tun. Aushalten ist gerade keine Stärke.

Inge teilt die Leidenschaft ihres Großvaters zu Pferden, doch ihre Mutter bestimmt, dass die Tochter etwas Anständiges lernt. Und so schließt Inge eine kaufmännische Ausbildung ab und arbeitet in einem ungeliebten Beruf. Erst als die Mutter stirbt, traut sich Inge und baut einen Gnadenhof für traumatisierte Pferde auf.

Wieder (und immer noch) an ihrer Seite: Ehemann Thomas.

Ihm zuliebe will Inge, inzwischen 62 Jahre alt und mit langer Rasta-Mähne, zur Silberhochzeit ein Brautkleid tragen. Obwohl sie ausschließlich Hosen trägt, will sie sich für Thomas einen Ruck geben.

In der Vox-Sendung „Zwischen Tüll und Tränen, das Duell“ treten gleich zwei Brautausstatterinnen an, ein passendes Kleid für Inge zu finden. (Eine Brautkleidersendung? – Nein, es steht keine Hochzeit an bei mir  – mein gelegentliches guilty Pleasure).

Am Ende entscheidet sich Inge für einen weißen Jumpsuit (sieht aus wie ein Kleid, ist aber ein Overall) – mit Jeansjacke.

Liebesbeweis und gleichzeitig sie selbst geblieben. Inge ist sanfter geworden mit den Jahren – so scheint es – und gleichzeitig klarer. Ich bin ein Fan. Vielleicht auch ein bisschen, weil ich ihren Ruhrpottslang so mag.

Für mich als Coach sind verschiedene Aspekte an dieser Geschichte interessant:

  • Was darf man anderen Menschen zumuten?Wieviel Authentizität ist „erlaubt“ und gesellschaftsfähig?
    Wann ist Aushalten eine Stärke?
  • Auf einer Skala von 0 bis 10 (Null = ich halte es gar nicht aus – 10 = entspannter geht nicht) wie stark sind deine Nehmerqualitäten?
  • Man kann einen Menschen nicht verändern, aber durch eigenes Verhalten verändert sich manchmal, im Laufe der Zeit doch so einiges
  • Wie häufig treffe ich im Coaching auf Menschen, die insgeheim auf die Erlaubnis von Vater oder Mutter warten und sich erst nach deren Tod davon befreien und endlich ihr Leben leben.

Mit diesen Gedanken schicke ich uns in eine hoffentlich regenarme Woche.

Von Herzen

Ihre und Deine
Monika Scheddin