Eine Stunde mussten wir am Freitag in der Schlange stehen, um endlich unsere Karten für die Ausstellung JR : Chronicles in der Kunsthalle München zu bekommen. JR steht für einen französischen Künstler, der 1983 in Paris geboren wurde. Er macht Porträtfotografien von ganz normalen Menschen auf der Straße und druckt sie in Großformaten aus, die er dann im öffentlichen Raum plakatiert.
Weil so etwas sonst nur Politikern, Prominenten und Popstars passiert, reiben sich die Zuschauer, die Fotografierten und die, die die Fotografierten kennen, ungläubig die Augen.
JR gestaltet auch aus einzelnen Porträtfotografien Gesamtkunstwerke in der ganzen Welt. Seine Ausstellungsfläche ist der öffentliche Raum: Häuser, Ruinen, Böden, Container, Züge, Mauern …
Nicht immer wartet er, bis er die Erlaubnis hat.
Mitmachen kann, wer will. Und jeder darf auch selbst bestimmen, wie er oder sie fotografiert werden will.
JR fragt die Beteiligten: Who are you and what is your story?
Man merkt dem Künstler an, dass die Fragen ernst gemeint sind. Dass es ihn wirklich interessiert.
Die eigentliche Kunst ist für JR erst der Moment, in dem sich die Betrachter über die Bilder austauschen und in Kontakt kommen. Sie staunen, sind irritiert, wundern sich, lachen gemeinsam.
JR fotografierte Schwerstkriminelle in einem Hochsicherheitstrakt. In dem Film über das Projekt wird einmal mehr klar: auch vermeintlich harte Kerle haben zarte, verwundbare Seelen. Menschen sind mehr als ihre Taten.
Der Künstler trifft in Mexiko auf ein kleines Kind in einer Schaukel, das jeden Tag auf die Mauer zu Amerika blickt.
Das Porträtfoto dieses Kindes klebt JR in einem Riesenformat direkt an die Mauer.
Die Grenzposten lassen ihn gewähren, obwohl das Gerüst die Mauer überragt.
Als das Werk vollendet ist, picknicken die Menschen zu beiden Seiten der Mauer gemeinsam, reichen sich Essen hinüber und bitten die andere Seite, Fotos zu machen.

JR war für mich bis Donnerstag letzter Woche noch der Filmfiesling aus „Dallas“.
Das ist jetzt vorbei.
Bei diesem Kürzel muss ich von nun an immer an einen Menschen denken, der durch seine Kunst und sein Interesse daran, Menschen zu sehen, Erstaunliches für ein Miteinander, für Beziehungen und für den Weltfrieden leistet.
Who are you and what is your story?
Der Kommunikationsexperte Friedemann Schulz von Thun sagte einmal: “Unerhörte werden sich unerhört aufführen.“
Wenn wir anfangen zuzuhören, hinzuschauen und nicht nur unseren eigenen Kosmos im Sinn haben, tun wir viel für Beziehungen. Das heißt überhaupt nicht, dass wir unsere Sichtweisen nicht genauso wichtig nehmen dürfen. Es ist ein sowohl als auch. Verstehen ist ein Beginn.
Alle Konflikte basieren auf mangelnde Wertschätzung.
Beide Seiten hätten sich mehr davon gewünscht.
Die Ausstellung ist leider zu Ende gegangen. Ich wünschte mir, ich hätte die Idee dahinter früher verstanden, damit ich euch noch eine Empfehlung hätte aussprechen können. Aber vielleicht wart ihr längst vor mir da. Das würde mich riesig freuen.
Eine schöne Woche wünscht euch von Herzen
Monika Scheddin
