17 Bahnreisen – meist Langstrecke – habe ich in diesem Jahr bereits hinter mich gebracht. Wer in Deutschland geschäftlich Bahn fährt, muss ein Profi sein. Profi in Sachen Vorstellungsvermögen und Coolness. Vieles habe ich schon erlebt, doch es gibt immer noch Neues.
Um die Bahn als Entspannung zu erleben, sollte man deutliche Zeitpuffer einbauen und sich nicht aufregen, wenn der reservierte Platz nicht da ist, weil ein ganzer Waggon nicht zur Fahrt antritt.
Sich über die Bahn aufzuregen, ist in etwa so produktiv, wie sich über das Wetter aufzuregen.
Meine Strategie: ich sammele Beispiele für Wirksprache (oder Anti-Wirksprache) und für mein neues Kabarettprogramm.
Letzte Woche hatte ich das Vergnügen circa 30 Sonderansagen zu erleben. Also Ansagen, die nicht vermelden, dass in Kürze ein Bahnhof erreicht wird oder dass man neu Hinzugestiegene begrüßt: Alles gleich doppelt, einmal auf Deutsch, einmal auf Denglisch.
Wir sind in Köln gestrandet, weil es keinen Zugführer mehr gab.
Auf den warteten wir fast eine halbe Stunde. Dann ging es endlich weiter.
Doch schnell folgte wieder eine Ansage der Schaffnerin:
„Sehr geehrte Damen und Herren, wie Sie sicher gemerkt haben: Der Zug KANN fahren. Allerdings nicht sehr lange. Wie Sie festgestellt haben, sind wir gleich zum Halten bekommen.
Ich werde recherchieren, woran es liegt, und melde mich dann so schnell wie möglich.“
Ungefähr zehn Minuten später dann des Rätsels Lösung:
„Verehrte Zuggäste, Sie werden es mir jetzt nicht glauben und ich hoffe, Sie sitzen gut: Man hat uns auf die falsche Strecke geschickt. Wir sind nicht unterwegs nach Solingen, sondern auf dem Weg nach Düsseldorf. Der Zugführer klärt jetzt ab, was zu tun ist und ich melde mich dann wieder bei Ihnen.“
Wir sind dann tatsächlich nach Düsseldorf gefahren und alle die nach Solingen wollten, mussten halt flexibel sein und anders klarkommen.
Als wieder die Sprechanlage anspringt, meint mein Nachbar: „Ich habe langsam Angst vor jeder neuen Meldung“.
Doch diese war nicht weiter schlimm. Fast schon drollig.
„Liebe Zuggäste, damit Sie nicht aus der Übung kommen: Wir kommen jetzt in Wuppertal an. Wenn Sie aussteigen wollen, wird das in Wagen 14 nicht gehen, denn der Wagen reicht nicht an den Bahnsteig ran. Aussteigen können Sie in Wagen 12.“
Wenn dann jedoch die Klimaanlage komplett ausfällt und das Bordrestaurant aus Personalmangel über 6 Stunden geschlossen ist, dann bin selbst ich als Berufsoptimistin fassungslos. Naja, immerhin wird zum Ausgleich eine kleine Flasche Wasser kostenlos angeboten.
Für den 1. Juni hätte ich fast einen Zug nach Kempten im Allgäu gebucht, wo ich an der Hochschule einen Networking-Vortrag halte. Doch wie soll die Bahn mit den 9-Euro-Bahnfahrenden klarkommen, wenn sie jetzt schon auf dem Zahnfleisch geht.
Plätze reservieren kann man im Nahverkehr nicht … Ich fahre mit dem Pkw.
Meckern sollte nur, wer auch Verbesserungsvorschläge hat.
Wenn die Bahn mich fragen würde, würde ich ihr empfehlen:
Spart nicht an Material und an Mitarbeitern. Behandelt alle(s) gut. Denkt nicht an Effizienz, sondern an die Menschen. Schockt insbesondere ältere, unerfahrene Bahnkunden nicht mit „umgekehrter Wagenreihung“, „neuem Bahngleis“, oder „Dieser Zugteil fährt nur bis …“.
Rechnet mit Ausfällen und habt Ersatz parat. Überrascht eure Kunden – aber bitte nur positiv – und macht sie wirklich zu Fans.
Kann doch nicht so schwer sein.
Die Bahn sollte – genau wie Krankenhäuser und Altenheime – keine Gewinnerzielungsabsicht haben, sondern sich gut um Menschen kümmern.
Fragt eure Fahrgäste nach ihren Wünschen, aber nicht mit vorgefertigten Fragebögen, sondern wirklich offen.
Ich persönlich fände ein Überraschungs-Konzert von Udo Lindenberg, Elen oder Max Raabe cool. Vielleicht sogar ZAZ. Da würde ich aber staunen …
Wann und worüber hast du denn das letzte Mal gestaunt?
Eine wunderbare Woche wünscht
Deine und Ihre
Monika Scheddin
