Zwei Wochen Osterurlaub-schreibfrei hatte ich mir gegeben und dann sind es gleich drei Wochen geworden. Danke an alle, die mich angeschrieben haben und den Blogartikel vermisst haben und so liebenswürdig nachfragten, ob bei mir alles in Ordnung ist.
Das weiß ich so zu schätzen! 😊
Gerade bin ich so viel auf Reisen, in Trainings und Coachings und mache zudem noch eine Fortbildung, dass ich es einfach nicht geschafft habe.

Wenn ich auf Reisen bin, dürfen weder Bücher noch mein Hirni Schreibjournal fehlen. Zur freudvollen Vorbereitung gehört für mich die passende Bücherauswahl dazu. Hörbuch, eBook, Druckbuch – inzwischen bin ich flexibel.

Dieses Mal hat es mir der Text von David Foster Wallace angetan. Es handelt sich um eine Rede, die er im Jahr 2005 vor Uni-Absolvent:innen gehalten hat. Es war seine erste und auch einzige öffentliche Rede – sie gehört zu den besten Reden ever.

Er beginnt mit einer kleinen Geschichte.
Zwei junge Fische schwimmen ihres Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in Gegenrichtung unterwegs ist. Dieser wendet sich ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“
Die zwei jungen Fische wissen nichts zu antworten, schwimmen eine Weile weiter und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
Die nahe liegende Pointe der Fischgeschichte ist, dass die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen auch die sind, die am schwersten zu erkennen und zu diskutieren sind.
Wallace spricht von der Standardeinstellung eines jeden Menschen: Die tiefsitzende Überzeugung, der absolute Mittelpunkt des Universums zu sein.
Überlegen Sie mal: Sie haben nie eine Erfahrung gemacht, bei der Sie nicht im absoluten Mittelpunkt standen.
Andere Menschen dagegen stören, belästigen, nerven, stehen im Weg herum. Bilden Staus, die verhindern, dass ICH pünktlich nach Hause komme.
An den meisten Tagen, an denen Sie aufmerksam genug sind und die Wahl haben, können Sie sich aber entscheiden, die fette, bräsige, aufgebrezelte Frau, die in der Supermarktschlange gerade ihr Kind angeschnauzt hat, mit anderen Augen zu sehen.
Vielleicht ist sie sonst nicht so. Vielleicht hat sie gerade nächtelang nicht geschlafen, weil sie ihrem an Knochenkrebs sterbenden Mann die Hand gehalten hat.
Es hängt alles nur von Ihrer Perspektive ab.
Wenn Sie aber wirklich zu denken gelernt haben und aufmerksam sein können, dann wissen Sie, dass Sie eine Wahl haben.
Ihre Entscheidung ist, wie Sie die Dinge sehen wollen. Und das, behaupte ich, ist die Freiheit wahrer Bildung, der Selbst- Erziehung zur Anpassung: Es wird Ihre bewusste Entscheidung, was Sinn hat und was nicht. Sie entscheiden, was Sie glauben.

Es lohnt sich meiner Meinung nach, sich die Rede anzuschaffen oder auf Youtube anzuhören.

Und während die Gedanken von David Foster Wallace noch in mir reifen, erlebe ich am Samstag diese kleine Szene:

Der ältere Herr mit seinem Fahrrad vor dem Zugang meines Seminarraums wartet. Vermutlich auf mich, damit ich ihm die Türe öffne. Er wirkt vital und keineswegs gebrechlich. Sehr wohl aber gewöhnt daran, dass man ihn bedient.
Ich stelle mein Fahrrad ab, öffne die Tür für ihn, damit er durchkommt. Gleichzeitig weiß ich: Worte des Dankes oder ein Lächeln wären übertriebene Erwartungshaltung. Er enttäuscht mich nicht.
Nach ihm schiebe ich anschließend auch mein Fahrrad durch den Torbogen. Der ältere Herr sieht, dass „sein“ Fahrradplatz besetzt ist. Er stellt das fremde Rad weg, um seines dort zu platzieren.

Für mich sehr interessant, was sich in meinem Kopf abspielt.
Meine Gedanken:

  1. Was für ein unangenehmer Mensch!
  2. Er tut das Beste, was er kann. Mehr ist ihm nicht möglich.
  3. Er braucht seinen Platz.

Mit Variante 3 kann ich sogar so etwas wie Mitgefühl entwickeln. Und darauf kommt es mir an. Den alten Haudegen kann vermutlich nichts und niemand ändern, aber ich kann meine Bewertung gegen Großzügigkeit eintauschen.
Kann heißt nicht muss, denn Großzügigkeit gilt auch für mich.

Das ICH entsteht in der Begegnung mit dem DU – so Martin Buber.

Was ich für Schlussfolgerungen ziehe und wer genau ich werde, das liegt bei mir.

Ich wünsche Euch eine wunderschöne Woche!
Die Wetterprognose schaut ab Dienstag warm und sonnig aus.

Von Herzen

Deine und Ihre
Monika Scheddin

 

Foto: borchee/Canva