Ein Ärgernis trifft nur den, der es auch annimmt. Nur die eigenen, schlechten Gefühle geben dem Absender Macht. Eine nicht angenommene Beleidigung hat keine Wirkung.
Jeder Mensch wählt die beste Verhaltensweise, die ihm im Moment möglich ist. Wenn also jemand schreit, Porzellan zerschlägt oder seine Mitarbeiter ungerecht anmacht, ist das schon das Beste, was diese Person in diesem Moment machen kann, um ihre Aggressionen loszuwerden. Niemand verhält sich mit Absicht falsch oder unangemessen. Das soll kein Freibrief für schlechtes Verhalten sein. Aber, wer sich dieses bewusst macht, dem fällt es langfristig leichter, großzügig zu reagieren.
Großzügig in Hinblick auf den Anderen, aber auch großzügig zu sich selbst. Kein Mensch zwingt Sie, ebenfalls unangemessen zu reagieren. Der cholerische Chef ist verantwortlich für das, was er tut oder lässt. Sie sind verantwortlich für Ihre Gefühle und Reaktionen. Situation: Angenommen Ihr Chef blafft Sie an: „Na, Sie haben auch schon mal ausgeschlafener ausgesehen!” Hier könnten Sie sprachlos nichts sagen und gleichzeitig ihr Gedankenkino anschmeißen („Was bildet der sich ein, soll sich doch mal selber angucken, der greift mich immer öfter an, der kann mich nicht leiden, der hält mich für inkompetent, wahrscheinlich kriege ich keine Gehaltserhöhung, stehe auf der Abschussliste …). Sie merken schon, das ist eine nicht weiterbringende, unappetitliche Möglichkeit.
Sie könnten Gleiches mit Gleichem vergelten („Sie sehen aber auch nicht gerade fit aus”!). Das ist im besten Falle schlagfertig, aber mit Sicherheit nicht beziehungsfördernd. Sie könnten sachlich bleiben: „Ja. Ich habe gestern noch recht lange an unserer Präsentation gearbeitet.” Sie könnten aber auch mit einem dicken Smile antworten: „Stimmt! Haben Sie was dagegen, wenn ich mir heute Nachmittag frei nehme?”
Notfall-Reaktions-Koffer für den Umgang mit Angriffen:
Zeit schinden: Atmen Sie bei (vermeintlichen) Angriffen erst einmal tief durch, bevor Sie reagieren. Dabei insgeheim langsam „Einundzwanzig, zweiundzwanzig” zählen, bevor Sie antworten.
Doof stellen: Wenn Sie noch mehr Zeit brauchen, um Ihre schlechten Gefühle im Zaum zu halten, fragen Sie nach: „Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. Was haben Sie gerade gesagt?” Oder „Wie darf ich das verstehen?“ Bitte in einem sachlich-interessierten Tonfall.
Hofnarr-Variante: Erlauben Sie es sich, Negatives grundsätzlich positiv zu verstehen. Mit einem strahlenden Lächeln eine Standardantwort präsentieren: „Das sagt meine Mutter/Vater/Tochter … auch immer zu mir!”
Schlagfertigkeit wächst mit Selbstbewusstsein und mit Übung.
Jedes Mal,wenn ich mich geärgert habe, weil mir nichts passendes einfiel, habe ich den Angriff / den fiesen Satz SOFORT aufgeschrieben und innerhalb einer Woche die fünf besten Entgegnungen gesucht und gefunden. Oft in Kooperation mit Freundinnen und Kollegen – und mit viel Vergnügen.
Und das wünsche ich Ihnen und Dir auch dabei!
Ihre Monika Scheddin
P.S. gerade finde ich noch ein schönes Schlagfertigkeitsbeispiel in einem klasse Artikel von Heribert Prantl:
Ronald Reagan – während einer TV-Debatte im Wahlkampf der US-Präsidentenwahl. Sein Konkurrent: Walter Mondale, Demokrat, 56 Jahre. Reagan, damals bereits 73, wurde befragt, ober er trotz seines Alters auch Stresssituationen gewachsen sei. Reagan erklärte genüsslich: „Ich werde das Alter nicht zum Thema dieses Wahlkampfes machen. Ich will für politische Zwecke nicht Jungend und Unerfahrenheit meines Opponenten ausschlachten.“
