Sobald wir als Jugendliche den Führerschein hatten, stand uns die Welt offen. Meine Eltern spendierten mir einen alten Opel Kadett Typ D in Rot-Orange. Dieses Auto liebte ich wie kein anderes, beklebte ihn mit einem Aufkleber „Alt aber bezahlt“ und fühlte mich frei wie nie. Mal eben eine 80-Kilometer-Spritztour nach Düsseldorf, nachts an die Nordsee sausen, um den Sonnenaufgang zu erleben – kein Problem, wir waren jung und brauchten kein Geld.

Heute frage ich mich, ab wann wir aufgehört haben, uns Mühe zu geben. Ab wann wir beschlossen, vernünftig zu werden und keine Energie mehr zu verschwenden. Hüter unseres Schlafs und Spießer zu werden. Aufregung und Mühen zu vermeiden.

Ich dachte mir, es ist Zeit, mal wieder verrückte Teenager-Projekte anzugehen.

Und kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, kam eine Gelegenheit daher. Und zwar in Form von einer Installation des Künstlers Christo, bei der man wie einst Jesus übers Wasser wandeln kann: Floating Piers. Das ganz spielte sich ab im Iseo-See in Norditalien, 500 km von München. 16 Tage lang und dann ist die Kunst zu Ende. Ein Blick in meinen Terminkalender zeigte mir nur eine einzige Chance: nämlich am Samstag, dem vorletzten Tag der Installation.

Und alles sprach dagegen:

  • Ein Vortrag am Vortag in Bad Kreuznach
  • Ein zwanzigjähriges Firmenjubiläum – absagen war keine Option
  • Die Wettervorhersage: 29 Grad, Regen und Unwetterwarnung
  • Und nicht zuletzt die Unkenrufe von Freunden: „wollt Ihr Euch das wirklich antun? Ihr steht nur im Stau und anschließend in Warteschlangen und dann noch das Unwetter. Und Hotels vor Ort sind alle ausgebucht …“
    Also Gründe es einfach sein zu lassen gab es genug.

Aber es gab auch einen triftigen Grund, es einfach zu tun: Weil wir es wollten.

Noch heute könnte ich mich in den eigenen Hintern treten, die Verhüllung des Berliner Reichstages aus Dummheit verpasst zu haben.

Lange Rede – kurzer Sinn: ein Hotel hatten wir dank unseres Netzwerkes sofort. Der Vortragskoffer wurde schnell umgepackt in einen Italienkoffer (generalstabsmäßig vorbereitet). Geschenk für das Firmenjubiläum lag bereit, wir waren 2 Stunden am Mittag dabei und rauschten dann weiter nach Italien. Gut, rauschen ist jetzt etwas übertrieben, denn wir brauchten über 7 Stunden. Egal, wir waren in guter Gesellschaft, in schöner Landschaft und hatten genug Gesprächsthemen.

Am nächsten Morgen um 4 Uhr früh ging es los zum Iseo-See. Obwohl noch viele andere Menschen auf die gleiche Idee kamen, waren wir dennoch früh genug vor Ort, dass wir einen guten Parkplatz ergatterten und ohne jede Wartezeit die Installation bestaunen konnten. Das angekündigte Unwetter blieb aus. Einmal haben die Wolken ein paar einzelne Tropfen fallen lassen – nicht genug, um den Schirm zu bemühen.

Und so sind wir das erste Mal in unserem Leben übers Wasser gelaufen. Die Wellen unter den Füßen waren deutlich zu spüren, ganz so wie Christo es versprochen hat. Ein großartiger Tag, den ich noch in meinem Gedächtnis tragen werde, selbst wenn die Knochen eines Tages klapprig sind. Und selbst dann werde ich mich als Teenager fühlen, denn in der Erinnerung altern wir nicht.

Deshalb: benehmt Euch ab und zu mal wieder wie ein Teenager! Es lohnt sich.