Annika, 34 Jahre, hat sich in der Werbebranche einen guten Namen gemacht. Sie lebt mit ihrem Mann in Berlin und hat immer mindestens drei Jobangebote in petto. Als ihr Mann einen lukrativen Posten in der Schweiz bekommt, zögert Annika nicht lange. „Da komme ich mit!“ erklärt sie sofort und freut sich schon auf den Tapetenwechsel. In der Schweiz angekommen, nimmt sie sich einen Monat Auszeit, um sich in Ruhe einzurichten und nach Jobs zu schauen. Gelegenheiten für gute Leute gibt es genügend und so dauert es nicht lange, bis Annika die ersten Vorstellungsgespräche hat.

Die Gespräche laufen super. Die Gesprächspartner sind begeistert von ihrem Profil, von ihr als Person und von ihren Kontakten. Einen Job bekommt sie dennoch nicht. Mehr oder wenig deutlich wird ihr gesagt, man schätze sie als Person, befürchte aber, dass sie dem Unternehmen nicht lange erhalten bliebe, da verheiratet und im gebärfähigen Alter. Man wolle das Risiko nicht eingehen, dass sie, kaum eingearbeitet, schwanger werden würde. Annika ist verdutzt. Und es nutzt nichts, dass sie glaubhaft erklärt, dass sie für mindestens drei Jahre das Kinderkriegen ad acta gelegt hat und selbst wenn sie ein Kind bekäme, weiterarbeiten würde.

Dass die Situation in der Schweiz sich so ganz anders darstellt als in Berlin – damit hatte Annika nicht gerechnet. Sie ist stinksauer und belegt erst einmal einen Kickbox-Kurs, um ihre Aggressionen los zu werden. Eine gute Woche später hält sie mit ihren besten Freundinnen Kriegsrat. „Eine gute Strategie muss her!“ Da ist man sich schnell einig. Und bald ist diese auch gefunden. Annika streicht aus ihrem Lebensauf „Familienstand: verheiratet“.

In den kommenden Vorstellungsgesprächen gibt sie auf Nachfrage an, dass sie glücklich mit ihrer Lebenspartnerin zusammen lebe. Und ruckzuck bekommt sie einen richtig attraktiven Job.

Ein halbes Jahr später – Annika fühlt sich sauwohl im Unternehmen und hat die Probezeit mit Bravour gemeistert – steht ein Grillfest an. Mit Partnern! Nach anfanglichen Fluchtgedanken beschließt Annika, sich dem Thema zu stellen und nimmt ihren Mann mit zur Party. Als sie ihn mit den Worten „Mein Mann Thomas“ vorstellt, bleibt doch einigen der Mund offen stehen. Spät am Abend kommt ihr Chef auf Annika zu, klopft ihr auf die Schulter und sagt: „Mutige Verkaufsstrategie. Kompliment. So etwas erwarte ich von kreativen Mitarbeitern. Weiter so!“ Sprach, grinst und feiert weiter.

„Mein Gott, war ich erleichtert!“ Annika war sich sehr bewusst darüber, dass ihr Verhalten grenzwertig war. Der Schuss hätte gut nach hinten durchgehen können. Sogar eine Kündigung wegen arglistiger Täuschung hätte ihr ein anderer Chef mit anderen Werten geben können. „Ich hätte auch versuchen können, „meine Rechte“ durchzukämpfen. Zwecklos. So war ich schnell erfolgreich, wenn auch meine Methode nicht wirklich rechtens war“.

Man muss nicht Recht haben, sondern Erfolg.

Und manchmal darf man auch mal etwas wagen, findet

Monika Scheddin